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wlb - Wasser, Luft und Boden 3/2016

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WLB AKTUELL Luftreinhaltung im Wandel Aus dem Blickwinkel der Kommission Reinhaltung der Luft im VDI und DIN 6J AHRE Christoph Sager 1956 war das Thema Luftverunreinigungen erstmals Anlass für große parlamentarische Debatten im Bundestag [1]. Nachdem in den ersten Nachkriegsjahren die Deckung materieller Bedürfnisse verständlicherweise im Vordergrund stand, drang die Erkenntnis, dass auch saubere Luft zur Lebensqualität gehört, stärker in das allgemeine Bewusstsein vor. Sicher haben sich auch Ereignisse wie „The Great Smog“, der im Dezember 1952 im Stadtgebiet von London für mehrere Tausend Tote verantwortlich war, im Bewusstsein der Bevölkerung verankert. Die Ursachen für die Luftverschmutzung waren vielfältig. Zu nennen sind hier insbesondere die in den 1950er-Jahren rasant angestiegene industrielle Produktion – insbesondere in der Montanindustrie –, aber auch die Gebäudeheizung, deren Regelbrennstoff damals auf Kohleprodukten basierte. Erschwerend kam hinzu, dass die Techniken zur Abgasbehandlung nicht das leisten konnten, was von heutigen Anlagen erwartet wird. Darüber hinaus wurden sie häufig nicht eingesetzt. So erreichte im Jahr 1960 nur einer von über 50 betrachteten Thomas-Konvertern ein Staub-Emissionswert von weniger als 150 mg/m 3 und drei weitere weniger als 2000 mg/m 3 [2]. Zum Vergleich: Moderne Müllverbrennungsanlagen, die heute nach dem Stand der Technik betrieben werden, emittieren deutlich weniger als 10 mg/m 3 [3]. Überhaupt war die Minderung der Staubemissionen lange Zeit die einzige Maßnahme zur Luftreinhaltung. Andere relevante Komponenten, wie beispielsweise Schwe- feldioxid und Stickoxide, wurden nicht beachtet. Dabei war es auch nicht so, dass keine sichtbare Staubfahne mehr aus den Schloten kommen sollte. Im Gegenteil: Die Anwendung der Ringelmann-Skala (eine Skala für die Opazität von Rauch) implizierte, dass kein sichtbarer Rauch einen zu hohen Luftüberschuss und somit Energieverschwendung bedeutete [4]. So ist es auch kein Wunder, dass im Zeitraum von 1960 bis 1980 in der Bundesrepublik die Staubemissionen zwar signifikant abnahmen, die Emissionen an Schwefeldioxid aber im selben Zeitraum stagnierten und der Ausstoß an Stickoxiden sogar deutlich zunahm [2]. Die Wende trat in den 1980er-Jahren ein. Das BImSchG und die TA Luft zeigten neben weiteren Instrumenten, wie der freiwilligen Selbstverpflichtung und den technischen Regelwerken, Wirkung. So konnten beispielsweise in Nordrhein-Westfalen die mit Industrieabgasen emittierten Schwefeldioxid-Mengen in den Jahren 1983 bis 1990 um rund 90 % gesenkt werden, Stickoxide im selben Zeitraum um 70 % [2]. Dafür rückten dank einer verbesserten Analytik andere Substanzen wie Schwermetalle und halogenorganische Verbindungen ins Blickfeld. Auch Sekundärschadstoffe wie das für den Sommersmog verantwortliche bodennahe Ozon wurden bewusster wahrgenommen. Bei letzterem sorgen der motorisierte Individualverkehr und ein für die breite Öffentlichkeit nicht leicht nachzuvollziehender Reaktionsmechanismus dafür, dass gerade in den ländlichen Regionen, die im Allgemeinen nicht mit Luftverschmutzung assoziiert werden, Sommersmog auftritt [5]. Wandel der Verursacher In dem Maß, in dem der industrielle Schadstoffeintrag in die Atmosphäre erheblich gemindert werden konnte, gelangten nichtindustrielle Emittenten in den Mittelpunkt des Interesses. So stellen mittlerweile Gebäudeheizung – hier sind insbesondere die für eine behagliche Wärme sorgenden Holzfeuerungen von Bedeutung – und motorisierter Individualverkehr für einige Schadstoffe mittlerweile die Hauptverursacher dar. Auch die Landwirtschaft, die lange Zeit nur als Quelle charakteristischer Gerüche wahrgenommen wurde, rückte als Emittent ins Blickfeld. Während Erstere zur Begrenzung von Feinstaub und Stickoxiden einen wesentlichen Beitrag leisten müssen, ist die Landwirtschaft gefordert, die Emission von Stickstoff-Verbindungen und Bio- Aerosolen zu reduzieren. Bio-Aerosolemissionen werden uns, auch wenn sie in den Nachrichten nicht unter diesem Namen genannt werden, wohl noch eine lange Zeit beschäftigen. Neben Tierhaltungsanlagen, Abfall- und Abwasser-Behandlungseinrichtungen sind es vor allem industrielle Kühleinrichtungen, die als Quelle für Bioaerosolemissionen ermittelt wurden. Dementsprechend gibt es konkrete Planungen, bei der derzeit in der Anpassung befindlichen TA Luft den Bio-Aerosolen ein eigenes Kapitel zu widmen; eine 01 Industrielle Kühleinrichtungen sind eine Quelle für Bio-Aerosolemissionen Autor: Dr.-Ing. Christoph Sager, Kommission Reinhaltung der Luft im VDI und DIN-Normenausschuss KRdL, Düsseldorf 14 wlb 3/2016

WLB AKTUELL Verordnung über Verdunstungskühlanlagen liegt seit Januar 2016 als Referentenwurf vor. Was uns darüber hinaus in den nächsten 60 Jahren an Emissionen beschäftigen wird, lässt sich zumindest teilweise erahnen. Neben Feinstäuben und Stickstoffverbindungen werden dies vor allem die Klimagase sein. Dabei kann es zu Zielkonflikten kommen: Eine Steigerung von Wirkungsgraden bei Verbrennungsmotoren, die damit bei gleicher Leistung weniger Klimagase ausstoßen, führt in der Regel zu einer Erhöhung der Stickstoffoxid-Emissionen. Das Thema „Belästigung durch Geruchsstoffe“, das schon zu Zeiten des römischen Reichs der Obrigkeit die Gelegenheit gab, regulierend einzugreifen [6], wird vor allem im Bereich der Anwohnerbeschwerden noch längere Zeit seine Brisanz behalten. Literatur: [1] Kommission Reinhaltung der Luft im VDI und DIN – Normenausschuss KRdL (Hrsg.): 50 Jahre KRdL – Aktiv für saubere Luft. Düsseldorf 2007, ISBN 3-931384-59-4 [2] Bruckmann, P.; Pfeffer, U.; Hoffmann, V.: 50 years of air quality control in Northwestern Germany – how the blue skies over the Ruhr district were achieved. Gefahrstoffe – Reinhaltung der Luft. Band 74, S. 37-44, 142-150, 291-298 [3] VDI 3460 Blatt 1:2014-02 Emissionsminderung; Thermische Abfallbehandlung; Grundlagen (Emission control; Thermal waste treatment; Fundamentals). Berlin: Beuth Verlag [4] Nuber, K.: Kohle, Oel und Dampf in deiner Hand, 10. Auflage. Verlag Betriebs-Ökonom, Verden 1969 [5] Baumbach, G.: Luftreinhaltung, 3. Auflage. Springer-Verlag Berlin, 1993, ISBN 3-540-56823-9 [6] Koch, E.: Geruchsemissionen – ein langer Weg zur Bewertung. Gefahrstoffe – Reinhaltung der Luft. Band 72, S. 397 www.vdi.de 02 Durch die Holzfeuerungen von Wohngebäuden steigt der Feinstaubgehalt in der Außenluft Ecomondo.indd 1 13.07.2016 12:01:14 wlb 3/2016 15