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wlb - Wasser, Luft und Boden 3/2016

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WLB AKTUELL

WLB AKTUELL Luftige Zeiten Entwicklung der Luftreinhaltung in Deutschland 6J AHRE Joachim Alexander Luftverschmutzung ist ein Thema, mit dem man sich in Deutschland schon seit den 1950er-Jahren auseinander setzt. Im Jahr 1964 trat die erste TA-Luft in Kraft, damals noch auf Grundlage der Gewerbeordnung, die dann Jahre später durch das Bundes-Immissionsschutzgesetz ergänzt wurde. Die veränderten gesetzlichen Grundlagen und die verbesserte Messtechnik führten und führen zu einem stetigen Wandel der technischen Gegebenheiten, von denen letztendlich alle profitieren. In den europäischen Zentren des Kohleverbrauchs kam es seit Anfang des letzten Jahrhunderts immer wieder zu Episoden des sogenannten Wintersmogs, auch London-Smog genannt. So werden 4000 Todesfälle bei der Smogkatastrophe von London 1952 vermutet. Seit Beginn der 1950er-Jahre gab es auch im Ruhrgebiet lebhafte Debatten über die Luftverschmutzung, ein Slogan war hier „Blauer Himmel über dem Ruhrrevier“. Während der Smog-Episoden im Ruhrgebiet 1962 wurden 5000 µg/m 3 als maximaler 24-Stunden-Mittelwert der Schwefeldioxid-Immissionskonzentration gemessen [1]. Die maximale Immissionskonzentration (MIK) nach VDI-Richtlinie 2310 lag bei 300 µg/m 3 . Eine nachhaltige Verbesserung der Luftqualität wurde durch ein deutlich verbessertes gesetzliches Instrumentarium – Bundes-Immissionsschutzgesetzes mit der Technischen Anleitung Luft (TA Luft) 1974 – bundesweit erreicht. Im Mittelpunkt standen zunächst Schwefeldioxid und Schwebstaub, was auf die damaligen begrenzten Erkenntnisse über Luftverunreinigungen und deren Wirkung auf die Umwelt in Form der Rauchgasschäden und des sauren Regens zurückzuführen ist. Vom Wintersmog … Die Wintersmog-Episoden 1979 und 1985 im Ruhrgebiet waren durch 24-Stunden- Mittelwerte der Schwefeldioxid-Immissionskonzentrationen gekennzeichnet, die mit ca. 850–900 µg/m 3 deutlich niedriger als 1962 lagen. Auch das Auftreten der neuartigen Waldschäden in Mitteleuropa seit 1981/82 führte zu einer weiteren Verschärfung der gesetzlichen Vorgaben: Auf der Grundlage der Großfeuerungsanlagen- Verordnung 1983, des 1985 novellierten Bundes-Immissionsschutzgesetzes und der TA Luft 1986 wurden Industrieanlagen mit Abgasreinigungsanlagen ausgestattet; die Technik der Hausfeuerungen wurde verbessert und diese Feuerungen auf emissionsarme Brennstoffe umgestellt. In den alten Bundesländern kam es letztmalig im Winter 1986/87 in Berlin (West) zur Auslösung von Wintersmog-Alarm. Ab 1990 konnten in den neuen Ländern sowohl die Schwefeldioxid- als auch die Staubemissionen auf einen niedrigen Stand gebracht werden. Betriebsstilllegungen, der Einsatz moderner Entschwefelungs- und Entstaubungstechniken, der rückläufige Energiebedarf infolge der wirtschaftlichen Umstrukturierung und der Einsatz emissionsärmerer Brennstoffe waren dafür entscheidend. Der Wintersmog spielt in Deutschland heute keine Rolle mehr [2]. ... zum Sommersmog … Die Entstehung von Sommersmog wird durch länger andauernde Schönwetterlagen mit hohen Lufttemperaturen und intensiver Sonnenstrahlung begünstigt. Unter der Voraussetzung, dass genügend Vorläufersubstanzen in der Atmosphäre vorhanden sind, bildet sich dann großräumig in der bodennahmen Atmosphäre infolge komplexer fotochemischer Reaktionen ein Schadstoffgemisch aus Fotooxidantien mit Ozon als der Leitsubstanz. Als Maß für die Ozonspitzenbelastung kann die Anzahl der Tage mit Ozonwerten von über 180 µg/m 3 (Informationsschwellenwert) dienen. Es ist festzustellen, dass diese Werte seit 1990 deutlich abgenommen haben. Die Maßnahmen, die zur Emissionsminderung in den 1990er-Jahren zur Bekämpfung des Sommersmogs eingeleitet wurden, haben sich als wirksam erwiesen. Die Emissionen der Vorläufersubstanzen NMVOC (= Nicht-Methan-Kohlenwasserstoffe) aus Farben, Lacke und Reinigungsmitteln und Stickstoffoixide (NO x ) aus dem Straßenverkehr und Feuerungsanlagen haben sich bis 2013 bezogen auf 1990 um 66 % bzw. 56 % vermindert. [6]. Den aus den 1990er-Jahren bekannten Sommersmog gibt es selbst in außergewöhnlich warmen und trockenen Sommern wie 2015 nicht mehr. Es bleibt abzuwarten, wie sich infolge des Klimawandels die Bildung von Ozon und die damit verbundenen gesundheitlichen Risiken entwickeln werden. … zum Feinstaub Die aktuellen Probleme der Lufteinhaltung fokussieren sich auf die Belastung der Luft durch Feinstaub und Stickstoffdioxid durch den Verkehr. Trotz kontinuierlich abnehmender Emissionen ist kein Trend der Immissionsentwicklung, sondern witterungsabhängige Schwankungen zwischen den Jahren festzustellen. In Ballungsräumen und an Orten mit starker Verkehrsbelastung kann es zu Überschreitungen der Grenz- und Zielwerte für Feinstaub (PM10, PM2,5) und Stickstoffdioxid (NO 2 ) kommen. Der Feinstaub (engl. „Particulate Matter“ (PM)) weist einen aerodynamischen Durchmesser von 10 bzw. 2,5 µm auf. Je kleiner die Staubpartikel sind, desto tiefer dringen sie in den Atemtrakt ein und desto größer ist das Risiko zu erkranken. Während die PM10-Belastung bei winterlichen stabilen Hochdruckwetterlagen auftritt. Der EU-Grenzwert des PM10-Tagesmittelwert darf nicht öfter als 35-mal im Jahr 50 µg/m 3 sein, fallen bei den Stickoxiden die nur geringen zwischenjährlichen Schwankungen auf. Hier liegt der EU-Grenzwert für den NO 2 -Jahresmittelwert bei 40 µg/m 3 . Neben der Notwendigkeit technischer Maßnahmen (zum Beispiel Euro-Normen für Fahrzeuge) wird in Deutschland mit 53 Umweltzonen sowie Luftreinhalte- und Aktionsplänen in Deutschland im Rahmen europaweiter kommunaler Maßnahmen versucht, das Problem zu bewältigen. Während die PM 10 -Belastung bei winterlichen stabilen Hochdruckwetterlagen auftritt – der EU-Grenzwert des PM10-Tagesmittelwerts darf nicht öfter als 35-mal im Jahr 50 µg/m 3 überschreiten – fallen bei den Stickstoffoxiden die nur geringen zwischenjährlichen Schwankungen auf. Hier liegt der EU-Grenzwert für den N0 x -Jahresmittelwert bei 40 µg/m 3 . Neben der Not- Autor: Prof. Dr. Joachim Alexander, Klimaschutzbeauftragter, Stadtverwaltung Ludwigshafen Bereichsleiter Stadtvermessung und Stadterneuerung, Ludwigshafen 12 wlb 3/2016

WLB AKTUELL Emission ausgewählter Luftschadstoffe [4] wendigkeit technischer Maßnahmen (z. B. Euro-Normen für Fahrzeuge) wird mit 53 Umweltzonen sowie Luftreinhalte- und Aktionsplänen in Deutschland im Rahmen europaweiter kommunaler Maßnahmen versucht, das Problem zu bewältigen (Feinstaubalarme in Stuttgart 2016). Nach den Erfolgen, vor allem im anlagenbezogenen Bereich der nationalen Luftreinhaltepolitik, gilt es, die nationalen Reglungen zu harmonisieren und in internationale Strategien und Übereinkommen einzubetten. Literatur: [1] Baumbach, G. 1994: Luftreinhaltung, Entstehung, Ausbreitung und Wirkung von Luftverunreinigungen - Messtechnik, Emissionsminderung und Vorschriften. Berlin Heidelberg [2] Alexander, J. 1999: Lufteinhaltung in Deutschland: Emissions- und Immissionsentwicklung seit 1970. In: Berichte zur deutschen Landeskunde, Bd. 73, 4, S. 365-379 [3] Lenschow, P. et al. 2001: Some ideas about the sources of PM10. In: Atmospheric Environment 35, S. 23–32 WLB2-0816-KAHL-Altreifen_WLB-Anschnitt 16.06.16 11:21 Seite 1 [4] UBA (=Umweltbundesamt) 2015a: Nationale Trendtabellen für die deutsche Berichterstattung atmosphärischer Emissionen seit 1990, Emissionsentwicklung 1990 bis 2013 (Stand 03/2015), Dessau [5] UBA 2015b: Beurteilung der Luftqualität in Deutschland: Ozonsituation 2015. Dessau [6] UBA 2016: Luftqualität 2015, vorläufige Auswertung, Dessau Foto: Fotolia www.ludwigshafen.de Altreifen-Recyclinganlagen Auch für kleinere Durchsatzmengen Qualität weltweit AMANDUS KAHL GmbH & Co. KG Dieselstrasse 5-9 · D-21465 Reinbek / Hamburg · Telefon: 040 72771-0 · info@akahl.de www.akahl.de