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wlb - Wasser, Luft und Boden 3/2015

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FORSCHUNG UND

FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG Die dünne Haut der Erde Forscher der Uni Hildesheim erklären Bodenprofile Isa Lange Die Haut der Erde ist sehr zart und kann leicht zerstört werden. Der Boden ist uralt, im Vergleich zum Lebensalter des Menschen. Täglich bewegen wir uns über den Boden, nehmen ihn aber kaum wahr. Aus Bodenprofilen können Forscher ablesen, was in der Vergangenheit passiert ist. Autorin: Isa Lange, Pressestelle, Universität Hildesheim W ir laufen täglich herum, ohne zu wissen, was sich eigentlich genau unter unseren Füßen abspielt. Ziemlich riskant, aber es hat sich bewährt. Wir vertrauen der Rasenfläche, dem Beton, dem Waldweg. Die „dünne Haut unserer Erde“ nennt Martin Sauerwein den Boden, der auch Informationsträger ist. Informationen zur Landnutzung und Geschichte könne man recht einfach aus ihm herauslesen. Der Geografieprofessor der Universität Hildesheim zeigt auf Bodenhorizonte und erklärt die Sprache der Erde. „Schon in der Farbabfolge kann man den Bodenreichtum erkennen. Im Mutterboden, der oberen braunschwarzen Schicht, stecken viele Nährstoffe. Wo wir einen mächtigen Humushorizont haben, werden wir auch eine relativ gute Nutzung, insbesondere für die Landwirtschaft, haben.“ Neben den Nährstoffen erfasst der Forscher die Bodenphysik: Wie fest ist der Boden, wie steil ist die Fläche? Wie viel Wasser kann der Boden speichern? „Auf Böden mit geringer Speicherkapazität kann sich kaum Landwirtschaft entwickeln. Wald wächst nicht überall ertragreich, welche Pflanzen und Tiere wo wachsen und gedeihen, hängt von der Beschaffenheit des Bodens ab“, sagt Sauerwein, der zu Bodenschutz und Flächenverbrauch sowie Altlasten forscht. „Von der Bakterie bis zum Maulwurf leben Tiere in Böden. Der Boden entscheidet, wer darin lebt. Er ist die Grundlage jeglichen Lebens.“ Der Boden wächst Und er ist uralt, im Vergleich zum Lebensalter des Menschen. „Boden wächst“, sagt Martin Sauerwein und fügt hinzu. „Seit etwa 12 000 Jahren.“ Seit der letzten Eiszeit haben sich unsere Böden entwickelt, sie sind aber eigentlich sehr jung, wenn man bedenkt, dass die Erde viereinhalb Milliarden Jahre alt ist. „Während der Eiszeit gab es kaum Leben, kaum Vegetation. Erst wuch-

FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG 01 Nico Herrmann und Geografieprofessor Martin Sauerwein von der Universität Hildesheim forschen über Aufbau, Physik und Funktion von Böden sowie über Bodenschutz sen Moose und Flechten, dann Gräser, Bäume. Sie warfen Blätter ab, damit bildet sich stetig der Humus“, erklärt Sauerwein. Das Ergebnis dieses Wachsens sieht man in einem Bodenprofil, die Hildesheimer Forscher sind Fachleute im Erstellen von Bodenprofilen. „Aus ihnen kann man ablesen, was in der Vergangenheit passiert ist“, sagt der Professor. In Folge des Erzbergbaus sind in den Auenbereichen im Hildesheimer Raum, entlang der Innersten, zum Beispiel Ablagerungen von Schwermetallen nachweisbar. Böden können extrem belastet sein, etwa durch nahegelegene Mülldeponien oder Pestizide, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden. „Manche Bodentypen halten die Pestizide fest. Ein sandiger Typ lässt sie hingegen, wenn wir Pech haben, ins Grundwasser kommen. Nicht jeder Boden kann das abpuffern“, so Sauerwein. Ertragreich oder belastet? Wissenschaftler vom Institut für Geographie der Universität Hildesheim graben Bodenprofile und können daran erkennen, wie ertragreich oder belastet der jeweilige Boden ist. Gerade erst haben sie auf einer italienischen Mittelmeerinsel mit einem Bohrer Proben bis in 8 m Tiefe entnommen, um die Entstehung von Tälern zu ergründen. Der Bohrer kommt nun auch in Hildesheim zum Einsatz. Das Institut liegt inmitten einer der fruchtbarsten Flächen der Bundesrepublik: „Die Hildesheimer Börde hat sehr ertragreiche Böden“, so Sauerwein. Der nährstoffreiche Löss und die Böden, die sich in den letzten 12 000 Aus Bodenprofilen kann man ablesen, was in der Vergangenheit passiert ist Jahren darauf entwickelt haben, bieten optimales Wachstum für besonders anspruchsvolle Kulturen – zum Beispiel Zuckerrüben. Ein Vergleich: Während in der Hildesheimer Börde Ackerzahlen bis nahe dem Maximalwert von 100 erreicht werden, liegen die Werte bei Böden der Marschen an der Nordseeküste oder den Heidelandschaften zwischen 30 und 50. „Wo eine Halde für ein Bergwerk oder eine ICE- Trasse entsteht, ist der Boden für eine TerraTech 3/2015 15