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wlb - Wasser, Luft und Boden 2/2015

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SANIERUNGSPRAXIS 01

SANIERUNGSPRAXIS 01 Grafische Auswertungen von „Konzentration [µg/l]“ gegen „Laufzeit der Sanierung“ 02 Grafische Auswertungen von „Sanierungserfolg [%]“ gegen „Laufzeit der Sanierung“ führt. Es liegen Messwerte aus mehreren Jahren vor, sodass Zeitreihenanalysen durchgeführt werden können. Die Schadstofffreisetzung aus der Quelle kann sich deutlich verringert haben, insbesondere wenn die Schadstoffquelle dekontaminiert oder gesichert ist. Weitere Schutzgüter können hinzugekommen sein (z. B. ein neues Wohngebiet), bisher relevante Schutzgüter nicht mehr von Bedeutung sein. Verhältnismäßigkeitsprüfung Die Prüfung, welche Sanierungsvariante unter dem Aspekt der Verhältnismäßigkeit zu wählen ist, erfolgt durch die Bodenschutzbehörde auf Grundlage der Sanierungsuntersuchung/Variantenstudie. Die Prüfung der Verhältnismäßigkeit ist dreistufig: 1. Geeignetheit: Alle in Betracht kommenden Sanierungsmaßnahmen werden dahingehend geprüft, ob sie das behördlich vorgegebene Sanierungsziel bzw. die Sanierungszielwerte unter Standortbedingungen erreichen können. Oftmals gibt es mehrere geeignete Maßnahmen bzw. Maßnahmenkombinationen. 2. Erforderlichkeit: Unter allen geeigneten Maßnahmen wird diejenige ausgewählt, die den Pflichtigen und die Umwelt am wenigsten belastet, und somit das „mildeste Mittel“ ist. Im Kontext der Verhältnismäßigkeitsprüfung wird diese Maßnahme als „erforderlich“ bezeichnet. 3. Angemessenheit: Die „erforderliche „Maßnahme wird dahingehend überprüft, ob der Erfolg (das Erreichen der Sanierungszielwerte) den damit verbunden Aufwand (insbesondere die Kosten für den Pflichtigen) rechtfertigt. Der Aufwand darf nicht im offensichtlichen Missverhältnis zum Erfolg stehen. Die Angemessenheit ist zu Sanierungsbeginn nur eingeschränkt prüfbar. Insbesondere der Aufwand ist bei hydraulischen Sanierungsmaßnahmen oftmals schwer abschätzbar. Nicht erkannte Schadstoffquellen und die Rückdiffusion von Schadstoffen aus bindigen Bodenschichten führen häufig dazu, dass der Sanierungsfortschritt deutlich langsamer ist als prognostiziert. Einerseits besteht eine gesetzliche Pflicht zur Abwendung von Gefahren für Grundwasser und Boden (§ 4 Abs. 3 BBodSchG). Andererseits stehen für die meisten Schadensfälle Sanierungsverfahren nach dem Stand der Technik zur Verfügung. Daher ist im Regelfall davon auszugehen, dass eine geeignete und erforderliche Maßnahme auch angemessen ist. Eine detaillierte Prüfung der Angemessenheit ist oftmals erst nach einigen Jahren Sanierungserfahrung möglich. Erneute Prüfung Bei langlaufenden hydraulischen Maßnahmen wird oft festgestellt, dass die Sanierungszielwerte in absehbarer Zeit nicht erreicht werden können. Sind alle Optimierungsmöglichkeiten ausgeschöpft, kann eine vorzeitige Beendigung der Sanierung in Betracht gezogen werden. Hierzu sind seitens des Sanierungspflichtigen Information und Argumente darzulegen, auf deren Grundlage die Behörde erneut über die Verhältnismäßigkeit der laufenden Sanierungsmaßnahme entscheiden kann. 03 Grafische Auswertung der „Schadstoff-Fracht [kg/a]“ gegen „Laufzeit der Sanierung“ 04 Grafische Auswertung der „Kosten pro kg Schadstoff [€/kg]“ gegen „Laufzeit der Sanierung“ 4 TerraTech 2/2015

SANIERUNGSPRAXIS Die Prüfung der Angemessenheit hat nun einen hohen Stellenwert. Im Gegensatz zum Sanierungsbeginn liegen nun belastbare Daten über Kosten, Schadstoffaustrag, Energie- und Chemikalienverbrauch vor. Auch ist eine Prognose über den weiteren Sanierungsverlauf mit deutlich höherer Genauigkeit möglich als zu Sanierungsbeginn. Kennzahlen, Kosten und Erfahrungen aus ähnlichen Projekten liegen häufig vor, oder können der Literatur entnommen werden [2, 3]. So können Vergleiche zu anderen Sanierungsmaßnahmen gezogen werden. Monetäre Ansätze für Kosten/Aufwand und Nutzen/Erfolg können die Entscheidungsfindung unterstützen. Der im Laufe der Sanierungsmaßnahme gewonnene Erkenntniszuwachs führt dazu, dass die Verhältnismäßigkeitsprüfung auf festere Füße gestellt werden kann. Grafische Auswertungen In Hessen wurden etwa 30 langlaufende hyd raulische Sanierungsmaßnahmen ausgewertet, die von der hessischen Industriemüll GmbH (HIM-ASG) im Auftrag des Landes Hessen durchgeführt werden [3]. Für diese Fälle liegt eine sehr gute Datenbasis vor. Auf Grundlage dieser Fälle soll eine Behördenarbeitsgruppe Kriterien entwickeln, die für eine Verhältnismäßigkeitsprüfung langlaufender Sanierungsmaßnahmen hilfreich sind. Vorbereitend wurde seitens des hessischen Landesamtes für Umwelt und Geologie geprüft, ob die grafische Auswertung ausgewählter Daten zielführend ist. Hierzu werden im Folgenden anhand eines realen Schadenfalls erste Ideen vorgestellt. Abbildung 1 und 2 zeigen spiegelbildliche Kurvenverläufe. Der Knick im Kurvenverlauf resultiert aus einer Umstellung des Sanierungsverfahrens im Jahr 2006. In der Abbildung 1 wird deutlich, dass das Sanierungsziel von 5 µg/l in absehbarer Zeit nicht erreichbar ist. Dies gilt gleichermaßen für den 100%igen Sanierungserfolg (Abbildung 2). Zur Berechnung des Sanierungserfolgs gilt folgende Gleichung [3]: Sanierungserfolg = [(AK-IK)/(AK-SZ)]×100% AK: Ausgangskonzentration zu Sanierungsbeginn [µg/l] IK: Ist-Konzentration (derzeitige Konzentration) [µg/l] SZ: Sanierungsziel [µg/l] Die jährlich aus dem Grundwasser entnommene Schadstoff-Menge entspricht der 05 Grafische Auswertung der „kummulierten Kosten [€]“ gegen „Sanierungserfolg [%]“ Schadstoff-Fracht [kg/a]. Sie nimmt tendenziell ab (Abbildung 3). Auffällig ist der deutliche Kurvenanstieg infolge der Umstellung des Sanierungsverfahrens im Jahr 2006. Zurzeit beträgt die Schadstoff-Fracht ca. 10 kg/a, dies entspricht nach hessischer Arbeitshilfe einer „großen Fracht“ [1]. Erst bei einer Minderung der Schadstoff-Fracht auf 0,9 kg/a würde sich eine „mittlere Fracht“ ergeben. Trotz der langjährigen Sanierungsanstrengungen verbleibt also bis auf weiteres ein großer Grundwasserschaden. Wie verhalten sich im Sanierungsverlauf die anfallenden Kosten pro kg entnommene Schadstoffe? Hierzu sind in Abbildung 4 auf der senkrechten Achse die Kosten pro kg Schadstoff in der Einheit [€/kg] aufgetragen. Für den typischen Fall, dass die jährlichen Kosten etwa gleichbleibend sind und die entnommenen Schadstoff-Frachten abnehmen, steigen die Kosten pro kg Schadstoff im Laufe der Jahre. Abbildung 5 zeigt eine Grafik, bei der der Sanierungserfolg auf der waagrechten Achse dargestellt ist. Auf der senkrechten Achse sind die bisher angefallenen Sanierungskosten kummulierend dargestellt. Es zeigt sich, dass die Kosten bis zum prognostizierten Sanierungsende (Sanierungserfolg 100 %) zumindest grob abschätzbar sind. Bis zu einem Sanierungserfolg von 80 % waren Kosten in Höhe von knapp 1 Mio. € angefallen. Bis zu einem prognostizierten Sanierungserfolg von 100 % fallen grob abgeschätzt insgesamt 1,7 Mio. € an. Die grafischen Auswertungen ergeben folgendes Bild: Beim Fallbeispiel handelt es sich um einen großen Grundwasserschaden. Trotz langjähriger Sanierungsanstrengungen ist nicht zu erwarten, dass in den nächsten Jahren das Sanierungsziel von 5 µg/l erreichbar ist. Auch eine Frachtminderung von „großer Fracht“ zu „mittlerer Fracht“ wird in den nächsten Jahren nicht eintreten. Eine Umstellung/Optimierung des Sanierungsverfahrens ist bereits erfolgt. Sofern die Prognose des künftigen Sanierungserfolgs (gestrichelte Linie in Abbildung 5) zutreffend ist, können die Gesamtkosten des Sanierungsverfahrens zumindest grob abgeschätzt werden. Für die Fragen „Was ist bisher erreicht worden?“ und „Wie hoch ist der Aufwand bis zum Erreichen des Sanierungserfolgs?“ sowie „Rechtfertigt der zukünftige Sanierungsaufwand den erreichbaren Erfolg?“ können die Grafiken Hinweise geben. Literatur: [1] Handbuch Altlasten: Band 3 Teil 7, Arbeitshilfe zur Sanierung von Grundwasserverunreinigungen, 2008, www.hlug.de/start/altlasten/arbeitshilfen/ band-3-erkundung-von-altflaechen/teil-7.html [2] Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg: Ermittlung fachttechnischer Grundlagen zur Vorbereitung der Verhältnismäßigkeitsprüfung von langlaufenden Pump-and-Treat-Maßnahmen, 2012 [3] B. Meise: Kostenreduzierung bei Grundwassersanierungen – Auf der Suche nach Einsparmöglichkeiten; Altlasten-annual 2014, Hessisches Landesamt für Umwelt und Geologie (www.hlug.de) Bilder: Fotolia; Hessisches Landes amt für Umwelt und Geologie www.hlug.de TerraTech 2/2015 5