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wlb - Wasser, Luft und Boden 2/2015

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WLB AKTUELL

WLB AKTUELL Realisierbar? Europäischer Gewässerschutz setzt ambitionierte Ziele Günter Müller, Oliver Gehrmann Aktuelle europäische Richtlinien zum Oberflächengewässerschutz werden die Anforderungen an den chemischen Zustand der Gewässer weiter erhöhen. Bei der Umsetzung in deutsches Recht verschärfen sich die Vorgaben zu Stoffeinleitungen in Gewässer. S owohl beim Oberflächengewässerschutz als auch beim damit eng verbundenen Umgang mit prioritären Stoffen setzen neue Vorgaben aus Brüssel an, von denen einige bereits in deutsches Recht umgesetzt wurden und ab Herbst dieses Jahres gelten. Die europäische Richtlinie 2000/60/EG, umgangssprachlich als Wasserrahmenrichtlinie bezeichnet, regelt die Bewirtschaftung in Flussgebieten. Sie zielt darauf ab, international koordinierte Maßnahmenprogramme und Bewirtschaftungspläne für die gesamte Flussgebietseinheit zu entwickeln. Im Sechs-Jahres-Rhythmus werden beschlossene Maßnahmen und Pläne überprüft. Die Wasserrahmenrichtlinie definiert Anforderungen an ein Gewässer und legt hierfür Fristen fest. Demzufolge ist ein guter ökologischer und chemischer Zustand des Gewässers bereits bis zum 22. Dezember 2015 zu erreichen. Gleichzeitig ist ein gutes ökologisches Potenzial und guter chemischer Zustand bei erheblich veränderten oder künstlichen Gewässern gefordert. Ge- Autoren: Dr. Günter Müller, Umwelt-Abwasserreinigung und Umweltüberwachung; Oliver Gehrmann, Unternehmenskommunikation; Currenta GmbH & Co. OHG, Leverkusen nerell darf sich der Zustand von Gewässern auch künftig nicht verschlechtern (Verschlechterungsverbot). Als eine der wichtigsten Strategien gegen Wasserverschmutzung sieht die Richtlinie (Artikel 16) vor, die Einleitung von prioritär (gefährlichen) Stoffen, die ein erhebliches Risiko für die Gewässer darstellen, zu beenden oder schrittweise einzustellen. Richtlinie 2008/105/EG und Richtlinie 2013/39/EU Diese beiden Gesetzeswerke konkretisieren die Ziele der Wasserrahmenrichtlinie im Hinblick auf Qualitätsnormen für prioritäre und prioritär gefährliche Stoffe (guter chemischer Zustand). Der Begriff Umweltqualitätsnorm (UQN) versteht sich als Konzentration eines bestimmten Schadstoffs oder einer bestimmten Schadstoffgruppe, die im Wasser, Sedimenten oder Biota aus Gründen des Gesundheits- und Umweltschutzes nicht überschritten werden darf. Die Verordnung zum Schutz der Oberflächengewässer (OgewV) setzt die Vorgaben der Richtlinie 2008/105/EG in nationales Recht um. Die nationale Umsetzung der Vorgaben der Richtlinie 2013/39/EU ist noch nicht erfolgt. Die OgewV dient dem Schutz der Oberflächengewässer und der wirtschaftlichen Analyse der Nutzungen ihres Wassers. Zu diesem Zweck wurden Art und Ausmaß der durch menschliche Tätigkeit verursachten signifikanten Belastungen der Oberflächenwasserkörper erfasst. Dazu gehörte die Bestandsaufnahme von Emissionen, Einleitungen und Verlusten aller prioritärer Stoffe und bestimmter anderer Schadstoffe bis zum 22. Dezember 2013 in jeder Flussgebietseinheit. Künftig stehen 01 Chemischer Zustand der Wasserkörper in der Flussgebietseinheit Rhein Quelle: Bewirtschaftungsplan Rhein, Stand: 12,2014 auch hier alle sechs Jahre die Überprüfung und Aktualisierung der Zusammenstellungen an. Referenzzeitraum für die Bestandsaufnahme ist das Jahr 2010. Wie der ökologische Zustand und das ökologische Potenzial ermittelt werden, ist in § 5 der OgewV und in Anlage 3 der OgewV geregelt. Dort sind die erforderlichen biologischen, hydromorphologischen sowie chemischen und allgemeinen physikalisch-chemischen Qualitätskomponenten formuliert. Die Einstufung erfolgt in die Klassen sehr guter, guter, mäßiger, unbefriedigender oder schlechter Zustand. Die Verordnung zum Schutz der Oberflächengewässer beschreibt insgesamt 162 flussgebietsspezifische Schadstoffe. Dazu führt sie 149 Stoffe aus bisherigen landesrechtlichen Vorschriften sowie 13 neue auf. Zu den letzteren gehören anorganische Stoffe, wie Silber, Selen oder Thallium, Pestizide/Biozide, zum Beispiel Bromoxynil, Diazinon, Diflufenican, Epoxiconazol, Metri buzin, Picolinafen, Primicarb oder Propiconazol sowie Industriechemikalien wie Anilin oder Phenanthren. Bewertung von Zustand und Potenzial Wird eine Umweltqualitätsnorm nach Anlage 3, Nummer 3.1., in Verbindung mit Anlage 5 (flussgebietsspezifische Schadstoffe) nicht eingehalten, so wird der ökologische

WLB AKTUELL Zustand oder das ökologische Potenzial höchstens als mäßig eingestuft. Generell gelten Umweltqualitätsnormen für flussgebietsspezifische Schadstoffe als eingehalten, wenn das arithmetische Mittel, der zu unterschiedlichen Zeiten, im Zeitraum von einem Jahr und an jeder repräsentativen Überwachungsstelle im Oberflächenwasserkörper gemessenen Konzentrationen kleiner oder gleich der Umweltqualitätsnorm ist. Für die Einstufung des chemischen Zustands sind 40 Stoffe/Stoffgruppen relevant. Genau genommen sind das die 33 prioritären Stoffe der Anlage 7, Tabelle 1 der OgewV, sechs bestimmte andere Schadstoffe/ Stoffgruppen (Anlage 7, Tabelle 2 der OgewV) sowie Nitrat (Anlage 7, Tabelle 3 der OgewV). Darüber hinaus kommen unterschiedliche Umweltqualitätsnormen für oberirdische Gewässer und Übergangs-/ Küstengewässer zum Tragen. Speziell für Quecksilber und Quecksilberverbindungen, Hexachlorbenzol und Hexachlorbutadien gelten auch Umweltqualitätsnormen in Biota; die Bestimmungen hierzu werden in der Regel an Fischen durchgeführt. Bestandsaufnahme am Beispiel des Rheins Deutschlands größter Fluss hat insgesamt einen nicht guten chemischen Zustand. In den meisten Fällen liegt dies an Überschreitungen der Umweltqualitätsnormen für polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) im Wasserkörper. Da diese Stoffgruppe überwiegend aus Verbrennungsprozessen stammt und diffus über die Atmosphäre in die Gewässer eingetragen wird, dürfte sich der Zustand im Laufe dieses Jahres kaum verbessern. Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass derzeit nicht alle prioritären Stoffe in so niedrigen Konzentrationen gemessen werden können, um die UQN zu überprüfen. Bei zehn Stoffen/Stoffgruppen wird gerade an ausreichend empfindlichen Analysenverfahren gearbeitet. Zudem zeigen die jetzt vorliegenden Biota-Untersuchungen, dass dieses Bewertungskriterium zu einer weiteren Verschlechterung des chemischen Zustands führen wird. So findet sich im Entwurf des 2. international koordinierten Bewirtschaftungsplans für die internationale Flussgebietseinheit Rhein von der IKSR (Internationale Kommission zum Schutz des Rheins) folgendes Zitat: „Aufgrund der für Deutschland vorliegen- 02 Jede Stunde entnimmt der Chempark etwa 1 % des Rheindurchflusses den Untersuchungsdaten zur Belastung von Fischen durch Quecksilber ist eine flächenhafte Überschreitung der Biota-Umweltqualitätsnorm zu erwarten, daher wird […] der Quecksilberwert durchgehend überschritten und werden die Oberflächenwasserkörper in Deutschland durchgehend rot dargestellt.“ Eine rote Darstellung ist mit einer Einstufung in den nicht guten chemischen Zustand verbunden. Künftige Wasserpolitik bei prioritären Stoffen Zu den wesentlichen Änderungen durch die Richtlinie 2013/39/EU gehört, dass die Liste der prioritären Stoffe um zwölf Stoffe erweitert wurde. Zu jedem dieser Stoffe wurden individuell Umweltqualitätsnormen (UQN) festgelegt, die ab spätestens 22. Dezember 2027 zu erfüllen sind. Bei acht klassischen prioritären Stoffen wurden die UQN verschärft. Diese Vorgaben müssen bis zum 22. Dezember 2021 umgesetzt werden. Darüber hinaus wird eine Beobachtungsliste für Stoffe eingeführt, mit möglichen Kandidaten für neue prioritäre Stoffe. Die Beobachtungsliste wird voraussichtlich zehn Stoffe umfassen, u. a. auch Arzneimittelwirkstoffe. Der Überwachungszeitraum beginnt am 14. September 2015 oder innerhalb von sechs Monaten nach Erstellung der Beobachtungsliste. Aufnahme von weiteren Stoffen in die Beobachtungsliste Die weitere Aufnahme von Stoffen in die Stoffliste der prioritären Stoffe wird die Anforderungen an den chemischen Zustand der Gewässer weiter erhöhen. Es zeichnet sich bereits ab, dass sich die Planung von Maßnahmen zum Erreichen des chemisch und ökologisch guten Zustands/Potenzials auf der Stoffseite schwierig gestaltet. Denn oft kommt es zu UQN-Überschreitungen durch diffuse Einträge in die Umwelt, wie z. B. bei der oben dargestellten Quecksilberbelastung von Fischen. Deshalb wird es ein sehr schwieriger und langwieriger Prozess sein, um diese sehr ambitionierten Umweltziele zu erreichen. www.currenta.de Excellence in Fluid Technology Schritt für Schritt... Erfahren Sie mehr zu unseren Neuheiten auf der: Halle 8, Stand K63 sera ProDos GmbH sera-Straße 1 34376 Immenhausen Germany Tel.: +49 5673 999-02 Fax +49 5673 999-03 www.sera-web.com wlb 2/2015 11 Sera.indd 1 13.05.2015 13:11:51