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wlb - Wasser, Luft und Boden 1/2017

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ABFALLTECHNIK/RECYCLING

ABFALLTECHNIK/RECYCLING Ein Patentrezept gibt es nicht In-situ-Stabilisierung von Hausmülldeponien in der Nachsorgephase Deponien in der Nachsorgephase müssen unterhalten und ihre technischen Einrichtungen permanent überwacht werden. Das schreibt die Deponieverordnung vor. Die Dauer der Nachsorgephase ist nur unter der Voraussetzung endlich, dass nachweislich keine Beeinträchtigungen des Wohles der Allgemeinheit zu erwarten sind. Autor: Dipl.-Ing. Detlef Löwe, Bereichsleiter Deponienachsorge im Geschäftsbereich Abfallund Ressourcenwirtschaft, AGR Abfallentsorgungs- Gesellschaft Ruhrgebiet mbH, Herten Das Ziel eines Deponiebetreibers muss es demzufolge sein, die Dauer der Nachsorgephase auf Basis eines Nachsorgekonzeptes zu optimieren. Wesentlicher Bestandteil ist dabei die bedarfsgerechte Anpassung der Sickerwasser- und Gasbehandlung mit dem Ziel eines beschleunigten Abbaus der organischen Bestandteile. Hier greift die In-situ-Stabilisierung, die Überführung des Deponiekörpers in einen aeroben Zustand – also ohne weitere, relevante Methangasbildung. Voraussetzung ist eine genaue Kenntnis über den Zustand der Gasfassungselemente als auch des Deponiekörpers sowie der stets individuellen Randbedingungen der Deponie. Daten sammeln Nach einer intensiven Bestandsaufnahme erfolgt eine Beurteilung des Gasfassungssystems sowie der noch zu erwartenden Deponiegasbildung. Um die Gasproduktion möglichst exakt bestimmen zu können, sollten viele Informationen über Mengen, Zeitpunkt des Einbaus und Zusammensetzung des abgelagerten Materials sowie der Einbauart im Ablagerungsbetrieb gesammelt und ausgewertet werden. Das ist die Basis für etwaige Optimierungsmaßnahmen. Hilfreich kann eine numerische Simulation der Abbauprozesse und des daraus resultierenden Deponieverhaltens sein. Um das Gasfassungssystem optimal darzustellen, werden bauliche wie verfahrenstechnische Maßnahmen notwendig. Wie die Deponiegasbrunnen unterliegt auch das Leitungssystem inklusive der zugehörigen Gassammelstationen einer baulichen und altersbedingten Beeinträchtigung. Durch die Abbauprozesse im Deponiekörper kommt es zu Setzungen, die das Leitungs- 36 wlb 1/2017

ABFALLTECHNIK/RECYCLING system nur teilweise kompensieren kann. Die nicht seltenen Folgen sind Leitungsabrisse, darüber hinaus aufgrund der Bestandteile im Deponiegas korrodierende Sammelbalken und Messstrecken sowie mechanische Beschädigungen an Regelklappen und Kugelhähnen. Neben der Wartung des Gasfassungssystems müssen die Saugleitungen auf dem Deponiekörper bei zu großen Setzungen oberflächennah ausgetauscht werden. Leitungen erst bei Aufbringen der Oberflächenabdichtung in der Rekultivierungsschicht neu zu verlegen, ist zielführend, da die Abdichtung erst nach dem Abklingen der Hauptsetzungen aufgebracht wird. Trotz Alterungsprozessen weist der Deponiegasbrunnen ein Schattendasein auf, da oft notwendige Wartungen nicht durchgeführt werden. Somit werden die Gasabsaugrate herabgesetzt und die Absaugung des Deponiegases als auch die mikrobiellen Abbauprozesse behindert. Gasaustrag anregen Durch die Austrocknung beziehungsweise Mumifizierung der Deponie kommen mikrobielle Abbauprozesse zum Erliegen. Dadurch verbleibt ein nicht unerheblicher Anteil der Organik im Deponiekörper und stellt ein Gefährdungspotenzial dar. Gemäß Deponieverordnung kann eine gezielte Befeuchtung des Deponiekörpers durch Infiltration von Wasser oder deponieeigenem Sickerwasser erfolgen, sofern der Deponiebetreiber dieses bei der zuständigen Behörde beantragt. In der Vergangenheit wurden daher zahlreiche Möglichkeiten entwickelt, um den Deponiekörper dauerhaft durch Sickerwasser-Reinfiltration zu befeuchten. Dieses kann beispielsweise punkt-, linienoder flächenförmig erfolgen. Beim Abbau der organischen Bestandteile im Deponiekörper entstehen im Wesentlichen Methan und Kohlendioxid. Dieses Gas wird durch das Anlegen eines Unterdruckes und somit durch Besaugen des Deponiekörpers gezielt abgeführt. Die aktive Entgasung mit Verwertung/Verstromung erfolgt grundsätzlich in der Betriebsphase und setzt sich in der Stilllegungsphase im Allgemeinen fort. Mit Beginn der Nachsorgephase können geänderte Anforderungen an die Behandlung des Deponiegases bestehen, sodass alternative Verfahren eingesetzt werden müssen. Eine Möglichkeit ist hierbei die In-situ-Stabilisierung, bei der durch gezielten Eintrag von Luftsauerstoff der Deponiekörper in einen aeroben Zustand versetzt wird, das Endprodukt beim Abbau der Organik ist vorwiegend Kohlendioxid. Verfahren wählen Die Vielzahl der zur Verfügung stehenden technischen Verfahren führen pauschal nicht zum Erfolg. Der Deponiebetreiber muss die oft schwierige Entscheidung treffen, welches Verfahren wann sinnvoll eingesetzt werden könnte. Nicht zuletzt können ihn bei der Auswahl des Verfahrens durchaus genehmigungsrechtliche Faktoren einschränken. Ob eine In-Situ-Stabilisierung eine sinnvolle Lösungsmöglichkeit für einen raschen Organik-Abbau ist, muss somit auf Grundlage weitreichender Untersuchungen des Deponiekörpers und des gesamten Gasfassungssystems betrachtet und beurteilt werden. Grundsätzlich muss der Deponiebetreiber auf Basis der Erfahrungen, die er mit den organischen Abbauprozessen seines Deponiekörpers macht, eine optimale Lösung finden. Die In-situ-Stabilisierung von Hausmülldeponien leistet einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Außerdem bietet sie die Möglichkeit, Kosten im Laufe der Nachsorgephase zu optimieren. Detlef Löwe, AGR Ein Patentrezept wird es auf absehbare Zeit nicht geben. Die Lernkurve steigt jedoch ständig und auch negative Erfahrungen können langfristig zu positiven Entwicklungen führen. Voraussetzung ist, dass der Deponiebetreiber sich intensiv mit den technischen Gegebenheiten auseinandersetzt und einen nicht minder intensiven wie transparenten Austausch innerhalb des Branchenumfeldes pflegt. www.agr.de 01 Gasbrunnenbohrung auf einer Deponie 02 Neben der Wartung des Gasfassungssystems müssen die Saugleitungen auf dem Deponiekörper bei zu großen Setzungen oberflächennah ausgetauscht werden 01 02 wlb 1/2017 37